Moralische
Fantasien
Kunstmuseum Thurgau, Whart (CH) - Ausstellung-Katalogvon Raimar
Stange
Deborah Ligorio arbeitet in erster Linie mit den Medien Video(installation)
und Collage. Dabei reflektiert die junge italienische Künstlerin
immer wieder diverse architektonische Momente auf unterschiedlichsten
Ebenen. So
stellt z. B. ihr Video „Ritmi“ (2007) in poetisch-sachlicher
Weise jahrhundertealte natürliche Belüftungssysteme
aus dem Mittelmeerraum, genauer von der italienischen Insel
Pantellaria, vor.
Intelligente
Belüftungssysteme stehen hier zur Disposition, die nicht,
wie die vermeintlich modernen Klimaanlagen unserer Tage, mit
hohem Energieaufwand für angenehmere Temperaturen im
Innenraum sorgen, sondern dazu lediglich sorgfältig im
Haus geleitete Luftströme sowie kühlendes Lavagestein
nutzen.
Dieses Lavagestein nun ist eh die natürliche Basis der
Insel mit ihrem vulkanischem Ursprung. „Nicht auf einem
Land bauen, sondern mit ihm“, beschreibt Deborah Ligorio
dieses Verfahren.Zudem
werden die Dächer dieser Häuser, die so genannten
„Dammusi“, als Speicher für Regenwasser genutzt
und lösen somit ein gutes Stück weit das Problem
der dort herrschenden Wasserknappheit. „Diese archaische
Architektur scheint zukunftsträchtige Lösungen zu
geben, wie mit steigenden Temperatur und Wassermangel umgegangen
werden kann“, so noch einmal die junge Künstlerin
selbst.
Dieses bioklimatische Design wird von der Künstlerin
in ruhig-besinnlicher Weise gefilmt, mit kaum unterbrochener
Kamerafahrt und einem weniger agitatorischen, dafür eher
sachlichen Text auf der Tonspur. Quasi als Hybrid von Dokumentation
und Fremdenverkehrswerbung erscheint „Ritmi“ und
bekundet so ein echtes Dilemma, in dem ökologische Strategien
sich heuer zu verorten haben: Der Klimawandel ist (in den
Medien) zu einer markttauglichen Ware geworden und eine solche
muss eher kulinarischer als kritischer Natur sein.
Raimar Stange
|